Artikel 13 – Ein Kommentar

Normalerweise sage ich meine Meinung ungefragt nicht (mehr) wenn sie gegenteilig der Meinung der Mehrheit der Betreffenden ist. Da aber gerade etwas in Gange ist was mir zutiefst Sorge bereitet und es an mir nagt, dass ich nirgends gegenteilige Meinungen lese – gerade aus „unserer“ Richtung, also der Konsumenten von digitalen oft urheberrechtlich geschützten Inhalten – muss ich mir doch mal etwas von der Seele schreiben. Denn ich glaube unseren Damen und Herren Politikern, so selten-dämliche Entscheidungen sie meiner Meinung nach oft und gern treffen, wird an dieser Stelle großes Unrecht getan von Leuten, die plötzlich Verantwortung für das übernehmen müssen was sie sich aufgebaut haben. Verantwortung für EUER Handeln im sogenannten freien Internet. Was für mich so ein bisschen ist wie die deutsche Autobahn auf der ein Tempolimit eingeführt wird. Weil IHR euch nicht benehmen könnt!

Bin ich denn eigentlich der einzige der diesen Hate-Hype nicht versteht obwohl er betreffende Artikel und Gesetze jetzt schon dreimal gelesen hat?

Kurz gesagt finde ich: Sollen die User der betreffenden Websites und Plattformen halt kein Material benutzen was ihnen nicht gehört, ohne sich vorher gemäß Art. 13 Absatz 4 klipp und klar und nachweisbar abzusichern das sie es auch dürfen. Oder hab ich grundsätzlich was nicht verstanden? Falls dem so sein sollte bin ich gern zu einer mich erhellenden Diskussion bereit. Nichts von dem was ich hier schreibt ist richtig. Es ist meine Meinung die ich nach meinem aktuellen Kenntnisstand der Sachlage habe.

Für alle unwissenden kurz umrissen worum es geht: Mit der Urheberrechtsreform – insbesondere Artikel 11 und 13 derselben – soll sichergestellt werden, dass Plattformen, wie auch immer diese aussehen mögen, es vermeiden dass ihre User ohne Erlaubnis der jeweiligen Urheber urheberrechtlich geschütztes Material auf derselben für andere zugänglich machen. Soweit, so nachvollziehbar und sinnvoll.

Das Internet ist auch jetzt schon kein rechtsfreier Raum. Allerdings wird es uns gerade recht leicht gemacht sich hinter der Pseudo-Anonymität eines fiktiven Namens zu verstecken, solange es niemand wirklich ernsthaft darauf abgesehen hat aus rechtlichen Gründen herauszufinden, wer jemand hinter einem Pseudonym (oder einer IP Adresse) ist. Denn das ist bereits möglich, siehe sogenannte „Abmahnanwälte“, die (wenn auch teilweise mit außerordentlich dubiosen Mitteln, aber immer zu Recht!) sehr wohl herausfinden wer gerade von wo aus eine Urheberrechtsverletzung begeht. Dementsprechend finden sich aber trotzdem immer und überall urheberrechtliche „Bagatell“-Verstöße. Z.B. wenn ein großer Herr der Ringe Fan ein Bild von Gandalf aus einem der Filme als Profilbild in einem Forum benutzt. Interessiert bisher keine Sau, ist aber ein eindeutiger Urheberrechtsverstoß. Rein faktisch. Da geht’s aber eben los. Ich z.B. möchte nicht, dass jemand ohne mich zu Fragen ein Bild von meinem Konterfei irgendwo veröffentlicht. Möglicherweise sogar ohne dass ich es weiß. Und wenn dem so ist, behalte ich mir selbstverständlich das Recht vor, dagegen vorzugehen wenn ich es für richtig und wichtig erachte.

Es schreien allerdings, soweit ich das bisher nachvollziehen kann, vor allem Betreiber von Websites oder Plattformen Zeter und Mordio, die einer unübersehbaren Anzahl an oben genannten Pseudo-Anonymen bewusst oder unbewusst die Möglichkeit bieten, unerlaubt urheberrechtlich geschütztes Material zu veröffentlichen. Sei es auch nur durch Profilbilder oder die Möglichkeit, Bilder in einen Forenpost einzubinden. Diese Betreiber müssen nun – so die Urheberrechtsreform mit Artikel 11 und 13 umgesetzt wird – das Geld für einen sogenannten „Uploadfilter“ ausgeben, weil ihre User eben zu ignorant oder unwissend (Unwissenheit schützt vor Strafe, nicht!) sind, sich nicht zusammenreißen und als Profilbild eben einen Screenshot aus einem Film nehmen. Oder irgend ein Bildchen aus einem ihrer Lieblingsspiele was sie bei Google gefunden haben. Oder eben irgendwas anderes benutzen was ihnen nicht gehört.

Uploadfilter müssen in dem Fall allerdings nicht mal softwareseitig umgesetzt werden. Es soll lediglich im Voraus verhindert werden, dass Urheberrechtsverletzungen stattfinden. Es könnte also auch vor der Veröffentlichung durch echte Menschen kontrolliert werden, was da veröffentlicht wird. Alles möglich. Kostet nur ein Schweinegeld. Ich habe allerdings noch NIE das Statement eines richtigen Software-IT-Algorithmus-Verständigen gehört ob und wie schwierig (bzw. teuer) das denn ist. Es ist wie so oft, die Leute die sich mit der Materie wirklich auskennen und Informationen haben die viele viele Argumente sich in Luft auflösen lassen, sind still und leise und denken: Ach was soll ich mich da jetzt einmischen. Die Schreihälse sind doch eh in der Überzahl.

Nun höre, lese und sehe ich nur Leute sich beschweren, die verantwortlich für tausende Unbedarfte sind und jetzt eben plötzlich Verantwortung übernehmen sollen für das, was ihre Schäfchen da so machen. Dabei steht alles drin in den Artikeln und Gesetzen. Und Axel Voss sagt immer wieder: Lesen Sie doch mal was da steht! Niemand muss alle Fotografen der Welt bitten ihnen eine Erlaubnis zu erteilen dass möglicherweise Fotos von ihnen da hochgeladen werden. Sie müssen verdammt nochmal dafür Sorge tragen, dass eben vorher geprüft wird was da hochgeladen wird. Und eben erst DANN veröffentlicht. Punkt. Wer vielen Menschen die Möglichkeit bietet sich Gehör zu verschaffen der muss eben gucken, dass da niemand Mist verzapft. YouTube HAT diese Filter bereits, deswegen ko**en ja so viele ab wenn sie UrhG-geschütztes Material hochladen und dann einen Strike bekommen. Ja mein Gott, dann benutzt halt ohne ausdrückliche Erlaubnis (die man ja dann bei YouTube nachreichen/einreichen kann) nicht das Material! Oder besorgt euch die Erlaubnis und berechnet mit ein, dass erst mal die Urheberschaft geklärt werden muss vor der Veröffentlichung. Das ist doch ganz normal! Wenn ich als Herr Löblich auf meinem Kanal was hochlade und einen Strike bekomme, habe ich (so wie JEDER andere) die Möglichkeit anzuklicken „Darf ich aber!“, dann muss ich Nachweise einreichen und dann wird’s geprüft und veröffentlicht wenn ich recht habe. YouTube zuckt sich genau aus diesem Grund nicht. Die sorgen bereits mehr oder weniger erfolgreich dafür, dass niemand Schindluder treibt. Klar kann man diese Algorithmen umgehen, aber dann macht man sich halt NOCH strafbarer weil dann sogar ein eindeutiger Vorsatz zu erkennen ist. Weil dann ist es mutwillig und der*diejenige möchte a) gern den „kurzen Dienstweg gehen“ ohne entweder nachzuweisen dass er*sie UrhG-geschütztes Material verwenden darf (also vor allem SCHNELL sein!) oder b) eben um das Urheberrecht zu umgehen!

Ein anderes Beispiel: Meine bessere Hälfte nutzt bisweilen Screenshots aus Filmen für ihre Reviews und Previews und Kritiken. Da wird vor jedem Screenshot geklärt ob sie das darf. Sie meldet sich auf extra für die Presse eingerichteten Portalen an, hinterlegt dort quasi ihre Kontaktdaten und es ist jederzeit im Falle einer Verwarnung klar, sie darf das. Im schlimmsten Fall wird ihr Artikel eben kurz Offline genommen oder später veröffentlicht und erst mal die Rechtefrage geklärt. Das finde ich absolut legitim und wichtig.

Ja, es gibt Sachen die unklar sind. Aber dann sichere ich mich eben ab bevor ich was veröffentliche und mach nicht einfach „irgendwas, wird schon in Ordnung sein“. Vor ALLEM nicht, wenn ich beabsichtige damit (mal) meine Brötchen zu verdienen. Vor allem sollte ich mich immer fragen: Muss ich denn jetzt an dieser Stelle UrhG-geschütztes Material verwenden? Warum ist das wichtig für das was ich gern verbreiten will? Die Begründung „Ja ich bin halt Fan von XYZ, deswegen benutze ich ein Foto von XYZs Gesicht als Profilbild“ ist schlicht keine. Wenn XYZ das dennoch in Ordnung findet, dann kann das weiterhin geklärt werden wenn jemand diese Urheberrechtsverletzung bemerkt und hinterfragt. Wo – wie ich glaube – das eigentliche Problem ist, dazu komme ich zum Schluss.

Noch ein Beispiel: Wenn ich RaceRoom streame oder Videos mache, sichere ich mich vorher ab. Ob das alle machen oder nicht, ist mir total Wurst. Wenn ich Musik einbaue ist diese frei erhältlich, unterliegt besonderen Lizenzen oder ich habe anderweitig eindeutig nachweisbar die Rechte, diese Musik zu benutzen. Es gibt genug Material im Netz mit einer ebenfalls im Netz veröffentlichten eindeutigen Erlaubnis, wie und wo man es verwenden darf. Spieleentwickler und Publisher haben auf ihren Websites ganz klare Nachweise für Content-Creators wie Youtuber oder Streamer, was man mit ihren Werken machen darf und was nicht. Deswegen kommt auch gar keiner auf die Idee ebensolche Content-Creators deswegen zu verklagen. Und deshalb wird genau das auch weiterhin problemlos möglich sein.

Es ist ganz einfach. Wenn etwas nicht von mir ist, nutze ich es erst in der Öffentlichkeit erst, wenn ich es ganz offiziell und nachweisbar darf.

Es wird immer wieder das Thema Remixes genannt. Ich mache auch gern Musik. Und ich möchte eben nicht dass jeder Honk meine Musik nimmt, versaut, und dann irgendwo als Remix veröffentlicht, ohne dass das vorher mit mir geklärt ist. Basta. Wenn ich gefragt werde, ist das was ganz anderes, ich bin der letzte der zu so etwas nein sagt. Aber einfach so machen weil „Der Löbi wird schon nichts sagen“? Nö! Da gibt es gar nichts zu diskutieren.

Und gerade im Rahmen der Zitate-Geschichte verstehe ich diese Aufregung nicht. Wenn ich etwas irgendwo „zitiere“, also UrhG-geschütztes Material für irgendwas verwende ohne es als mein eigenes auszugeben, ggf. noch mit dem Hinweis von wem es ist, dann werde ich dafür doch einen Grund haben. Z.B. weil ich bei der Presse arbeite. Oder irgendwie anders Begründen kann, wieso ich das jetzt mache. In dem Fall ist ganz klar das ich dann eben vor oder nach der Veröffentlichung nachweisen kann, dass ich dieses Material in dem Fall eben benutze, ohne dass dem Urheber Schaden entsteht. Und WENN dem Urheber Schaden entsteht oder er sich wieso auch immer gegen meine Veröffentlichung seines Werkes wehrt, habe ich eindeutig etwas falsch gemacht. Viele beschweren sich wegen Abmahnungen weil sie denken „sie machen ja kostenlos Werbung, das können die doch nicht abmahnen“. Doch! Natürlich! Es gibt genug Urheber da draußen die sehr viel Wert darauf legen, dass ihre Werke auf eine angemessene Art und Weise beworben werden.

Das eigentliche Problem liegt doch ganz woanders. Plötzlich soll Verantwortung übernommen werden. Plötzlich wird Handeln hinterfragt. Plötzlich müssen sich Menschen Gedanken machen, wieso und ob sie etwas tun, ob sie es dürfen und ob es sich lohnt den Aufwand zu betreiben es tun zu dürfen. Plötzlich kommt eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung auf unsere gute Datenautobahn und nicht jeder kann einfach so schnell wie möglich alles raus blasen wonach ihm oder ihr gerade ist, auch auf die Gefahr hin dass er oder sie damit jemandem Unrecht tut oder Schaden entsteht.

Und wieso? Nicht wegen den Usern die gern ein geiles Foto ihres Lieblings-LKW aus dem Euro Truck Simulator posten. Nicht wegen den Usern die auf Aragorn stehen und das mit einem Profilbild kund tun. Nicht wegen Youtubern die lustige Videozusammenschnitte von anderen Youtubern machen.

Sondern wegen einer kleinen Gruppe von Leuten die sich einfach nicht benehmen können und immer und immer wieder auf die anderen Schei**en und machen was sie wollen. „Weg da, jetzt komm ich. Mir egal ob du gerade ausweichen kannst, fahr halt nicht auf der Autobahn wenn du nicht mit mir mithalten kannst. Ich durfte hier schon immer so schnell fahren wie mein Auto kann und nur weil 90% der Leute den Mund nicht aufmachen soll ich jetzt 120 fahren? Niemals!“

Und ich finde es gerade sehr gruselig das eine ganz kleine Anzahl an Menschen mit einer unglaublich hohen Reichweite mobil macht. Und dabei – wie ich behaupte – nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht und sich vollkommen bewusst ist, wie manipulierbar ihre Gefolgschaft ist. Eine Gefolgschaft die taub und blind und bar jeder Vernunft wiederholt und durchzusetzen versucht, was ihr Vorbild ihnen so schön eingeredet hat.

Bloß nicht selber denken.

Rant Ende

Update 23:05 Uhr:

Hinter diesem Link wird ganz anschaulich und mit Quellenangaben erklärt, worauf ich hinaus will.
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/eu-urheberrechtsreform-107.html

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